Komplizierte Darstellung eines einfachen Sachverhalts, der auf manchen Baustellen zum echten Problem werden kann

Absteckung oder Anpassung?

Wenn eine Baustelle beginnt, ist erst einmal der Vermesser gefragt. Er stellt den Bezug zum übergeordneten Planungs-Koordinatensystem und zum geltenden Höhensystem her und steckt die Plangeometrie ab. Damit kann er mit der gewünschten Genauigkeit die Sollpositionen einer Bauwerkskante, einer Baugrube, eines Fundaments usw. auf der grünen Wiese oder auf Rohbauteilen festlegen. Ist das Bauwerk fertig, so ist die Sollgeometrie meist innerhalb der zulässigen Toleranzen hergestellt und die Restarbeiten beziehen sich dann auf das fertige Bauwerk. D.h. ab einem gewissen Bauzustand wechselt das Bezugssystem. Soll ein fertiges Bauwerk eine Treppe, eine Kappenanpflasterung, eine Kaskade oder andere Bauteile erhalten oder ist an einen Altbestand anzuschließen, so ist allein der Bestand Maß der Dinge und nicht mehr die Planung. Das gilt natürlich nur, wenn bei der Bauausführung und in der Planung keine Fehler gemacht worden sind, die die Funktionsfähigkeit des hergestellten Bauwerks ganz oder teilweise einschränken. Einen Fall kenne ich, in welchem der Planer einer Brücke eine beginnende Wannenausrundung der Straßengradiente mit kleinem Radius in der Widerlagerkappe nicht berücksichtigt hatte und die Kappe sanft in der anschließenden Straße abtauchte. Dieser Fall hätte nicht durch Angleichung auf den letzten 20m repariert werden können, weil man dann einen Knick in die Straße hätte bauen müssen. Sonst kommt man aber mit bereits erwähnten 20m Angleichungsbereich für den Anschluss einer Straße an eine Brücke (oder umgekehrt) aus. Gesetzt den Fall, die Brücke weicht an den Übergangskonstruktionen um +/- 4cm von der geplanten Höhe ab, so sollte die Gradiente auf den letzten 20m vor der Brücke um +/- 4cm verändert werden, was einer Abweichung von +/- 0.2% von der geplanten Gradiente entspricht und das ist beim Überfahren nicht zu merken. Würde der Vermesser Kraft seines Amtes die Sollpunkte auch in der Nähe des Bauwerkes abstecken und die anderen Gewerke stur danach bauen, hätten wir nach Abschluss der Arbeiten einen Zustand, den niemand will: Knicke in der Fahrbahn, unplanmäßige Ansichten der Borde, Stufen zwischen Kappen und anschließenden Borden usw. In der unmittelbaren Nähe eines Anschlusses sind also Anpassungs- und nicht Absteckungsarbeiten gefragt. Wenn ein Bord in Verlängerung der Kappe auf 5m Länge gesetzt werden soll, dann ist ein Messband und das gute Auge des Steinsetzers oder eine Schnur gefragt. Für die Längsneigung kann man sich bei korrekt gebauter Kappe an dieser orientieren. Die planmäßige Längsneigung für die Kontrolle kann aus dem Höhenplan der überführten Straße entnommen werden. Und der Höhenplan ist keine Unterlage, die ausschließlich für Vermesser gemacht wurde. In Anschlussnähe sind also in erster Linie Messband, Schnur, Wasserwaage, Zollstock und ein gutes Auge gefragt. Und da stellt sich die Frage, ob das wirklich allein der Vermesser machen muss, nur damit das folgende Gewerk keine Verantwortung für seine Arbeit zu übernehmen braucht. Eine Länge, ein Gefälle, ein Höhendifferenz aus einem Plan entnehmen und in die Realität zu übertragen, eine Anschlussrichtung und -höhe zu kontrollieren gehört eigentlich zum Rüstzeug jedes Tief- und Brückenbauers und ist keine Domäne des Vermessers.

Bruno Timme 2009, überarbeitet 2012